Nagelsmann's 3-4-2-1 — funktioniert das gegen schnelle Konter wie Brasilien oder Argentinien?

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Es wird Zeit für den ehrlichen Taktik-Faden vor dem Turnier. Nagelsmann hat sein System diese Saison zweimal umgestellt — Sommer 2025 noch 3-4-2-1 mit Schlotterbeck als linker Halbinnenverteidiger, Winter 2026 zurück zu 4-2-3-1, jetzt in den Testspielen wieder Mischformen. Das beruhigt mich nicht. Klassische Hin-und-Her-Phase, die wir aus der Löw-Endzeit kennen.

Das Grundsystem 4-2-3-1

Auf dem Papier sauber:

  • Vier in der Abwehr, mit Kimmich als hochgeschobenem Rechtsverteidiger (fast Mittelfeld-Rolle in Ballbesitz, eine Rolle die er bei Bayern unter Kompany ähnlich spielt)
  • Doppelsechs Andrich/Goretzka schützt die Innenverteidigung
  • Wirtz und Sané/Adeyemi auf den Halbpositionen
  • Musiala als Zehner hinter Havertz/Beier

Funktioniert wenn:

  • Der Gegner hoch presst (DE gewinnt Räume hinter dem Pressing über Wirtz/Musiala)
  • DE Ballbesitz hat (~60%+, Tendenz zu längeren Ballbesitz-Phasen)
  • Andrich und Goretzka beide fit sind (kein einziger Test-Match seit März mit beiden vollwertig — Andrich hatte Sehnenprobleme nach dem Bayer-Pokalfinale)

Das Problem mit schnellen Konter-Teams

Brasilien und Argentinien spielen beide hochpräzisen Umschalt-Fußball — Vinícius/Rodrygo bzw. Mac Allister/Messi/Lautaro können in 4 Sekunden vom eigenen Strafraum in der Box des Gegners sein. Das hat man im CL-Halbfinale Bayern-Real (siehe Faden #2112) gesehen: die Vinícius-Konter waren der einzige Weg wie Real durch die Bayern-Abwehr kam.

Gegen so etwas hat das 4-2-3-1 mit hoch geschobenem Kimmich strukturelle Lücken:

  1. Halbraum rechts — wenn Kimmich vorrückt, ist nur Tah als Innenverteidiger zur Absicherung da. Ein Vinícius-Diagonal-Lauf in den Halbraum rechts trifft auf Tah, der zur Außenposition rausschiebt — und Rüdiger ist allein im Strafraum. Genau dieses Szenario hat Tah bei der EM 2024 gegen die Schweiz (1:1, Embolo-Tor in der 28.) und in der Niederlage gegen Spanien (1:2 n.V., Olmo-Tor zur 119.) erlebt. Beide Tore aus dem Halbraum rechts.

  2. Doppelsechs überlaufen — Andrich/Goretzka sind beide keine reinen Defensivsechser. Rodri (Spanien), Caicedo (England), Mac Allister (Argentinien) würden sie technisch überspielen wenn der Gegenpressing-Druck wegfällt. Sebastian Hoeneß hat das beim Stuttgart-Bayern-Spiel im April ähnlich angewendet — Stuttgart hat Bayern mit drei Mittelfeldspielern überlaufen, das 1:1 war ein Mahnmal.

  3. Mittelstädt links — solider Bundesliga-Verteidiger, aber gegen Rodrygo oder Pedri auf der Außenseite hat er noch nichts vergleichbares verteidigen müssen. Die zweite Saison bei Stuttgart unter Hoeneß war gut (siehe Schwabenstreich-Diskussionen in der Sportschau), aber kein einziger CL-Auftritt. Anton wäre da das Update gewesen — der ist jetzt in Dortmund neben Süle.

Nagelsmanns Antwort: Hybrid-System

In den letzten Testspielen sah ich bei Ballverlust eine sehr schnelle Umstellung auf ein 5-4-1:

  • Kimmich kippt zurück und bildet mit Tah, Rüdiger, Mittelstädt eine Viererkette
  • Wirtz fällt ins Mittelfeld zurück, formt mit Andrich/Goretzka/Sané ein Vierer-Mittelfeld
  • Musiala und Havertz vorne als Doppel-Sturm

Das ist taktisch komplex. In Trainingslagern und Testspielen sah es funktionieren. Unter WM-Druck im Achtelfinale gegen Brasilien — ich bin skeptisch ob die Umstellungsgeschwindigkeit unter Ermüdung in der 65. Minute noch klappt.

Erinnert mich an Löws 3-Innenverteidiger-Experiment vor der EM 2020 (oder 2021, wegen Corona-Verschiebung) — auch da war die Theorie sauber, die Umsetzung gegen England im Achtelfinale ein Desaster (0:2 in Wembley, Sterling-Tor in der 75., Kane-Tor in der 86.).

Konter-Theorie vs. Daten

Letzte Saisonstatistik DFB-Pflichtspielen gegen kontrastarke Konterteams (USA, Mexiko, Italien in Vorbereitungen):

  • Eingehen gegen direkten Konter pro 90: 4.2 (Bundesschnitt 2.8 = überdurchschnittlich)
  • Erfolgreiche Konter-Abwehr-Quote: 71% (Bundesschnitt 78% = unterdurchschnittlich)
  • Eigenes Gegenpressing: erfolgreich in 62% der Fälle (Schnitt 71%)

Klare Diagnose: gegen Konter sind wir verwundbar. Gegen ballbesitzorientierte Teams (Spanien, Portugal) deutlich stärker.

Mein Fazit

Wenn DE in der KO-Phase auf Spanien, Portugal oder die Niederlande trifft, sehe ich uns gleichauf oder leicht überlegen. Gegen Brasilien, Argentinien oder Frankreich ist die Konter-Schwäche das größte Risiko.

Bracket-mäßig wäre ein DE-Halbfinale gegen Spanien das technisch interessanteste. Ein Halbfinale gegen Argentinien (mit Messi-Heim-Aura wegen Inter-Miami-Trainingslager, siehe Faden #2114) der Albtraum-Match.

Was sagt ihr — vertraut ihr Nagelsmanns Hybrid-System unter WM-Druck? Oder ist die Doppelsechs (ohne Kimmich darin) die strukturelle Achillesferse?

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guter faden vlatko. die konter-statistiken sind real, das ist mein größter sorgenpunkt für die KO-runde.

aber: nagelsmann hat das ja gegen italien im märz gut gelöst, das 1:1 mit dem 1:0-rückstand war taktisch ein klares pluspunkt. wirtz hat damals den ausgleich nach umschalt-aktion über sané erzielt, und in der zweiten halbzeit haben wir mehr ballbesitz erzwungen.

wenn das ungarn-spiel im juni 4 (testspiel) gut läuft, würde mich das beruhigen. und das nations-league-spiel gegen italien hat schon mal gezeigt dass mannschaften mit hohem ballbesitz aber wenig konter-präzision uns nicht weh tun. spanien wäre allerdings ne andere baustelle — die kombinieren beides.

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Eine ergänzende statistische Betrachtung zu Vlatkos Konter-Diagnose.

Ich habe die letzten zwölf DE-Pflichtspiele plus Vorbereitungspartien aus mehreren Datenquellen aggregiert und folgende Werte berechnet:

  • Gegen-xG aus Konter-Sequenzen pro 90 Minuten: 0.84 (Vorsaison 0.62)
  • Eigenes xG aus Ballbesitz-Phasen: 1.71 (Vorsaison 1.43)
  • Defensive Linien-Höhe: durchschnittlich 41 Meter von der eigenen Torlinie (Vorsaison 38 Meter)

Die erhöhte Verteidigungslinie ist taktisch von Nagelsmann gewollt — sie ermöglicht das aggressive Gegenpressing. Sie ist aber auch der Grund für den erhöhten Konter-xG-Wert. Gegen Brasilien (Vinícius/Rodrygo durchschnittlich 18 km/h Top-Speed in Konter-Sprints) ist eine Verteidigungslinie auf 41 Meter physikalisch nicht zu halten.

Mein Vorschlag: In KO-Spielen gegen Konter-Teams die Verteidigungslinie auf 33-35 Meter zurücknehmen, dafür weniger Pressing-Intensität im Mittelfeld. Das senkt das Konter-xG um geschätzt 25%, kostet aber 0.4 eigene xG.

Ich vermute, Nagelsmann wird genau diese Mischform spielen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell die Mannschaft die Umstellung in der Live-Situation hinkriegt. Klopp hat das bei Liverpool als 'two-speed pressing' bezeichnet — sport-akademisch dokumentiert, aber in der praktischen Umsetzung schwer ohne 18 Monate Training.

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Servus, vertraue Nagelsmann komplett, der ist ein Taktik-Genie 👌

Was viele nicht sehen: die System-Umstellungen, die Vlatko kritisiert, sind nicht Unsicherheit — das ist Multioptionalität. Nagelsmann will, dass die Mannschaft gegen JEDEN Stil eine Antwort hat. Das ist genau was bei der EM 2024 unter Flick noch fehlte (Flick hatte ja nur kurz übernommen, 12 Pflichtspiele insgesamt).

Gegen Brasilien im Achtelfinale (sollten wir dort hinkommen) gehe ich mit 5-4-1 und Doppelsturm Havertz/Beier. Konter-Schmelze, raus mit ihnen.

Bullisch wie immer 🇩🇪⚽⚽ und übrigens: Nagelsmann hat bei Hoffenheim 2018 (mit Sebastian Hoeneß als Co-Trainer übrigens, kleiner Sportschau-Trivia-Fact) ein ähnliches Hybrid-System gespielt und damit BVB im Februar 2019 4:1 zerlegt — er weiß was er tut.

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5-4-1 funktioniert im trainingslager wo niemand auf 100% spielt. im WM-druck unter 35 grad in dallas oder houston bei der 70 minute mit voller pulsfrequenz — viel glück.

die konter-zahlen die FrankfurtKnecht da gepostet hat sind alarmierend. das ist genau warum ich skeptisch bin trotz aller offensiv-talente. wir können vorne 3 tore schießen aber hinten 4 fangen ist 2026er DE. mexico-78-szenario sozusagen — Argentinien-WM-Sieger, Niederlande mit Cruyff-vakuum, und Deutschland 5. platz weil offensiv ja, defensiv nein.

nein, sorry, das übertreibe ich. aber konter-anfälligkeit ist real.

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@GebrannterTipper — fair point mit der hitze. dallas ist ein potenzielles knockout-spiel-stadion und 35° um 21:00 lokalzeit ist nicht witzig.

aber wir haben den vorteil dass die meisten unsere konkurrenten (frankreich, england, spanien) europäer sind — die haben das gleiche hitze-problem. argentinien und brasilien sind anders, die kommen aus warmen klimazonen. ABER die brasilianer haben ihren spielraum bei copa america 2024 auch im US-sommer gespielt, das wird kein neuland.

DE braucht hydration-protokoll und 5 wechsel-strategie. nagelsmann ist gut darin — hat bei der EM 2024 im viertelfinale gegen spanien viel später wechsel gemacht als löw es getan hätte. die spät-spiel-strategie ist da.

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wirtz auf der 10 oder auf der halbposition? das ist die eigentliche frage. wenn nagelsmann ihn weiter auf links zieht, weil musiala fit ist und auf der 10 spielt, dann verlieren wir wirtz' beste qualität (kurze wege ins zentrum).

lieber wirtz auf 10, musiala auf links. anders rum funktioniert nicht so gut, hat man in der nations-league gegen italien gesehen wo wirtz auf links blass war.

und noch was: kimmich auf 6 statt auf rechts wäre auch ein experiment wert. bei bayern hat ihn kompany im winter auf 6 spielen lassen und es lief solide.

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@FrankfurtKnecht — exzellent strukturierte Analyse. Das deckt sich mit meiner intuitiven Beobachtung der Verteidigungslinien-Höhe, die ich aber nicht quantifiziert hatte. Habe deine xG-Zahlen mit meinen eigenen Notizen aus dem Italien-Spiel im März abgeglichen — passt. Two-speed pressing wäre tatsächlich die theoretisch-saubere Lösung.

@LeipzigerSascha — sehe ich exakt so. Wirtz auf 10, Musiala als nominell linker Halb mit Inverter-Bewegung ins Zentrum (so wie er bei Bayern die Saison gespielt hat). Das ist Nagelsmanns präferiertes Setup laut Backstage-Berichten in der Sport1-Insider-Kolumne, aber er wird in der Eröffnung gegen Mexiko vermutlich konservativ starten — Musiala auf 10, Wirtz als linker Halb, weil das defensiv stabiler ist.

Wenn das stimmt, sehen wir die optimale Aufstellung erst im Achtelfinale. Das ist Risiko — die EM 2024 hat uns gezeigt, dass eine Mannschaft, die ihre optimale Form erst zur KO-Runde findet, das oft zu spät tut. Die Spanier von 2024 hatten Vorrunden-Form auf Anschlag und ließen sie bis zum Finale nicht fallen.

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halbfinale-wette mach ich nicht, zu viele variablen. viertelfinale ja. mehr nicht.

btw wenn ihr fragt was hsv-fan zu nationalmannschafts-taktik sagt: nichts ernst meines, ich schaue lieber 2. bundesliga am sonntag 13:30 als DFB.